Organisiert von PwC Österreich und NetCero in Kooperation mit respACT und moderiert von Julia Fessler (NetCero), kamen Vertreter:innen aus Industrie, Technologie und Wirtschaftsprüfung zusammen. Die Antwort des Abends in einem Satz: KI schafft im ESG-Kontext dann Mehrwert, wenn klare Use Cases, gute Datenqualität und eine strategische Verankerung zusammenkommen.
Keynote: Use Case schlägt Strategiepapier
In seiner Keynote „KI & ESG in der Industrie – Potenzial trifft Realität" räumte Florian Zittmayr (Wienerberger AG) mit einem verbreiteten Missverständnis auf. Erfolgreicher KI-Einsatz beginnt nicht mit der Technologie, sondern mit dem Problem, das gelöst werden soll. Statt groß angelegter Initiativen erweisen sich vor allem kleinere, fokussierte Anwendungsfälle als wirksam – und entscheidend ist dabei nicht die Datenmenge, sondern deren Qualität und strukturierte Aufbereitung.
„ESG ist kein Nachhaltigkeitsprojekt, sondern Unternehmenssteuerung. Die meisten KI-Projekte sterben nicht an der Software, sondern an den nicht vorhandenen oder unstrukturierten Daten."
Daraus folgt eine klare Priorisierung: weniger Konzept, mehr Wirkung.
„Wir brauchen keine KI-Strategie mit 120 Slides. Wir brauchen einen Anwendungsfall mit messbarem Business Impact."
ESG wurde damit als integraler Bestandteil der Unternehmenssteuerung verstanden – ein Feld, in dem KI gezielt Effizienz und Entscheidungsqualität verbessern kann, sofern die Datenbasis stimmt.
C-Level-Talk: Chance für den Standort
Unter dem Titel „Chance oder Risiko für Europa?" diskutierten Andreas Gerstenmayer (Unternehmer und Aufsichtsrat börsennotierter Unternehmen) und Agatha Kalandra (PwC Österreich) – im Spannungsfeld von Datensouveränität, Wettbewerbsfähigkeit und neuen Arbeitsweisen. Beide waren sich einig: KI ist eine große Chance für die heimische Wirtschaft. Sie steigert nicht nur die Produktivität, sondern wird mittelfristig auch Arbeitsplätze schaffen. Auch wenn nicht alle Branchen gleichermaßen betroffen sind, wird KI in allen Arbeitsbereichen Einzug halten.
Der entscheidende Hebel liegt dabei in der Organisation selbst: Es gilt, die Belegschaft zu befähigen, eine Innovationskultur zu schaffen und kritisches Denken in der Anwendung zu stärken. Die durch KI erhöhte Transparenz macht Schwächen sichtbar – und erfordert einen offenen Umgang mit Fehlern sowie kontinuierliches Lernen.
Klar wurde auch: Europa kann in vielen Bereichen weiterhin Vorreiter sein – insbesondere bei KI-Anwendungen im B2B-Geschäft, in der industriellen Fertigung und im Security-Bereich. Voraussetzung dafür ist mehr Mut und Investitionsbereitschaft, gerade im österreichischen Kontext. Und: KI muss strategisch auf oberster Managementebene verankert sein, nicht nebenbei in einzelnen Fachabteilungen.
Podiumsdiskussion: Der Mensch bleibt im Mittelpunkt
Die Paneldiskussion „KI & ESG aus 4 Perspektiven" brachte vier Blickwinkel an einen Tisch: Thomas Kriebernegg (TK100X), Elisa Gramlich (Wiener Stadtwerke), Paul Czech (PwC Österreich) und Michael Jauk (NetCero). Das Gespräch beleuchtete das Thema nüchtern und praxisnah. Fünf Punkte blieben hängen:
Viele österreichische Unternehmen sind mit der Nutzung von KI bislang eher überfordert. Der Sprung von „interessant" zu „im Einsatz" fällt schwerer als gedacht.
KI und Wirtschaftsprüfung können durchaus im Widerspruch stehen.
Damit beides Hand in Hand geht, braucht es den Menschen im Mittelpunkt – als prüfende und entscheidende Instanz.
KI sollte zentral gesteuert und strategisch verankert werden.
Bezeichnend: Bislang messen nur rund 1 % der Unternehmen den tatsächlichen Nutzen ihrer KI-Anwendungen. Ohne Messbarkeit bleibt der Mehrwert eine Behauptung.
Der AI Act ist für Nachhaltigkeitsabteilungen kein großes Risiko.
Im Gegenteil: Er lässt sich als Chance verstehen, die Belegschaft zum Thema KI zu schulen und zu befähigen.
Ob KI unsere ökologischen Krisen weiter befeuert – Stichwort Energiehunger – oder lösen hilft, bleibt offen. Am Ende ist KI lediglich das Werkzeug. Die Richtung geben wir Menschen vor – und dürfen das Steuer nicht aus der Hand geben.
Fazit
Über alle Formate hinweg zeichnete sich ein gemeinsames Bild ab: Während operative Tätigkeiten zunehmend automatisiert oder verlagert werden, gewinnen Nachhaltigkeitsverantwortliche mehr Spielraum für strategische Aufgaben. Gerade im Einstiegsbereich verändern sich Rollen – mit neuen Anforderungen an Ausbildung und Talententwicklung. Der „Human in the Loop" bleibt dabei zentral: KI kann unterstützen, ersetzt aber keine fundierten Entscheidungen.
KI ist kein Selbstzweck, sondern ein strategisches Werkzeug. Ihr Nutzen hängt maßgeblich von einem gezielten und verantwortungsvollen Einsatz ab – getragen von klaren Use Cases, sauberen Daten und einer Kultur, die Veränderung zulässt.
Ein herzliches Danke an PwC Österreich und respACT für die Partnerschaft sowie an alle Speaker:innen und Teilnehmer:innen, die diesen Abend zu einem so offenen und ehrlichen Austausch gemacht haben.